Begrüßung
Willkommen!
Der französische Regisseur Jean-Luc Godard sagte einmal, es gehe nicht darum,
politische Filme
, sondern
politisch Filme
zu machen. Eine Aussage, die nicht nur einen feinen, entscheidenden Unterschied markiert, sondern seither gerne dann rekapituliert wird, wenn es festzuhalten gilt, dass nicht das Kunstwerk eine politische Botschaft enthalten müsse, wohl aber die KünstlerInnen Haltung, sprich: Rückgrat, beweisen sollten.
Aus heutiger Sicht wirkt Godards Erklärung allerdings fast wie eine Aufforderung, denn uns wäre die Frage zu stellen, inwieweit wir überhaupt noch politisch agieren bzw. uns als politisch handelnde Subjekte begreifen. Anders ausgedrückt: Erkennen wir unsere Möglichkeit zum politisch Handeln überhaupt noch? Einmal mehr stellt sich daher auch die Frage, welche moralische Konstanten unser Bewusstsein und somit unser politisches Handeln leiten oder leiten könnten und wie verbindlich und unantastbar uns moralische Kategorien sind. Und somit sei die Frage erlaubt: Gibt es noch das Primat des Politischen? Wird Politik als Möglichkeit und unsere demokratische Gesellschaft als eine gemeinsame Unternehmung begriffen? Oder überlassen wir verzagt, enttäuscht oder schlicht desinteressiert alle Entscheidungs- und Gestaltungskraft der Wirtschaft und Interessensgemeinschaften? Weniger denn je scheinen wir uns alle als Konsumenten, Bürger und Individuen der politischen Verantwortung entsprechend zu verhalten, die sich bis in die Details unseres Lebensvollzugs erstreckt.
Keine Angst, wir wollen weder predigen noch agitieren. Das Wesen des Theaters ist es aber Fragen aufzuwerfen - und so lautet unsere Frage an die KünstlerInnen des Schauspielhauses ebenso wie an Sie, unser Publikum: Nun sag, wie hast dus mit der Politik? Oder: Treibt Sie oder dich ein politisches Bewusstsein im Handeln an?
Wir beginnen unsere vierte Spielzeit mit
Die Überflüssigen
von Philipp Löhle, dessen Karriere mit unserem Theater verknüpft ist, spielen
tier. man wird doch bitte unterschicht
, das neueste Stück von Ewald Palmetshofer, der wichtigsten und bekanntesten Stimme des Schauspielhauses. Wir stellen ihnen den Hausautor Thomas Arzt mit der Uraufführung
Grillenparz
vor, und ein guter Bekannter des Wiener Theaterpublikums schreibt für das Schauspielhaus
Die Pappenheimer
, Franzobel. Neben PeterLicht, einem herausragenden Musiker und Autor der deutschen Indiepop-Szene, zeigen wir das neueste Stück von Dennis Kelly, der zu einem der besten Autoren Großbritanniens gerechnet wird und mit
Waisen
endlich wieder nach Wien zurückkehrt. Mit
Bruno Schulz: Der Messias
von Małgorzata Sikorska-Miszczuk, gleich zu Beginn der Spielzeit, setzen wir unsere Auseinandersetzung mit der osteuropäischen Autorenszene fort.
Längst eine feste Größe unseres Spielplans ist die Serie: Heuer wird es die ersten zehn Wochen des Jahres 2011
Kreisky - wer sonst?
heißen. Aber nicht nur der 100. Geburtstag des österreichischen Politikers, vor allem unsere Spielzeitfrage nach politischer Haltung wird diese Serie bestimmen. Eine Biopic-Serie um die Persönlichkeit Bruno Kreiskys, aber auch um Reformversuche, Gesetzesnovellen und Bürgerbewegungen, soll nichts verklären, aber durch eine Revision eines politischen Lebens in der Zweiten Republik unser heute vielleicht mangelndes politisches Engagement befragen.
Sie sehen, wir bleiben, was wir waren, ein Theater der Autoren, das einzige deutschsprachige Gegenwartstheater und ein Markenzeichen unserer Stadt.
Beste Unterhaltung wünscht
Ihr Andreas Beck
Künstlerischer Leiter